Zwei Stories am Rande

Wir treffen auf einen der vielen Militärposten, als wir entlang der marokkanisch-algerischen Grenze fahren.
Normalerweise gibt es Palaver. Dann wird nach dem „Fiche de renseignement“ gefragt. Dann nach Zigaretten. Dann werden wir durchgewinkt. Fertig.
Diesmal ist es anders. Wir sollen beim Kommandanten der Einheit vorsprechen. Soldaten weisen uns den Weg zum Parkplatz vor seinem Quartier. Ein kleiner, älterer, aber fit und drahtig wirkender Mann in Jogging-Hose und Sweatshirt kommt aus der Lehm-Hütte gelaufen und beäugt uns kritisch.
Wir sind angespannt.
Damit haben wir nicht gerechnet. Andreas erwähnte beiläufig, das könnte etwas länger dauern.
Wir sind nach wie vor unentspannt.
Der Kommandant umarmt Andreas wie einen alten Bekannten und bitte uns alle – befehlsmäßig – in sein Quartier hinein.
Wir folgen den Dreien erstaunt und werden in eine dunkle Kammer geleitet. Das Schlafzimmer des Offiziers, wie sich herausstellt. Er schleppt eine alte verrostete Gasflache mit einem halbzerbrochenen Aufsatz herbei und beginnt für uns Tee zuzubereiten. Wir sitzen uns auf mit Teppich belegten Lehmbänken mit der Wand als Rückenlehne gegenüber. Der Kommandant nimmt auf seinem Bett platz und überlässt einem seiner Soldaten das weitere Tee-Zeremoniell. Wir sind noch immer recht verwundert, entnehmen aber dem weiteren Gesprächsverlauf, dass Andreas und Tina vor einem Jahr bereits hier durchgefahren sind. Der Kommandant erinnert sich gut an die Beiden und macht Beziehungspflege.
Wir sind nun tiefenenspannt.
Er ist ein guter Gastgeber, erzählt und gestikuliert munter vor sich hin und zeigt uns zum Schluss, als er dann doch u Pässe in Augenschein genommen hat, eine Rezept vom Militärarzt für eine neue Brille. Doro hat eine Zweitbrille in ähnliche Stärke dabei. Ein Damenmodel versteht sich.
Sie gibt ihm die Brille zum Probieren. Er strahlt über beide Backen seines mit Fältchen übersäten Gesichts. Das Lesen ginge so viel besser, meint er. Zu der brandneuen orangen Stihl-Kappe, die wir ihm vorher geschenkt hatten, wirkt das Damen-Gestell recht dezent, trotz seines schmalen Gesichts. Er bedankt sich mehrfach sehr herzlich, als Doro ihm verdeutlicht, dass er die Brille behalten dürfe.
Wir verlassen den Militärposten mit einem gutem Gefühl und folgen weiter der Piste nach Tata.

An einem anderen Tag. An einem anderen Ort. Eine Polizeikontrolle. Eine der unzähligen. Der Verlauf ist ähnlich, wie bei den Militärkontrollen und bei den Kontrollen der Gendarmerie Royale. Palaver. Fiche. Durchwinken. Fertig.
Diesmal nicht. Ein deutsches „Guten Tag“. Dann arabische Höflichkeit. Labas? Wie geht’s? Al-hamdu lillah! الحمد لله Gott sei Dank!
Mit unserer Aussprache ist der Herr Polizist nicht so zufrieden. Er lässt uns üben. Wir sollen ihm nachsprechen. Dann lässt er uns andere Worte nachsprechen. Er ist ein strenger Lehrer und lässt uns solange wiederholen, bis er grob zufrieden ist. Uns schwant nichts Gutes. Aber wir spielen mit, weil wir bequem weiterfahren wollen. Zum Schluss fragt er, ob wir wüssten, was wir gerade ausgesprochen hätten. Wir verneinen. Er meint, wir hätten gerade das Bekenntnis abgegeben, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und Mohammed sein Gesandter. Das islamische Glaubensbekenntnis. Die Schahada.

aschhadu an lā ilāha illā ‚llāh wa-aschhadu anna Muhammadan rasūlullāh

‏أشهد أن لا إله إلا الله وأشهد أنّ محمدا رسول الله

Das wäre gut so, den jetzt würden wir uns im Paradies wiedersehen. Al-hamdu lillah! Wir könnten jetzt weiterfahren.

Wir verlassen die Polizeikontrolle mit dem unguten Gefühl, gerade unfreiwillige Opfer einer islamistischen Missionsinitiative geworden zu sein.
Zumindest mit dem zweiten Teil des Glaubensbekenntnisses.
Was unser eifriger Herr Polizist allerdings großzügig übersehen hat: nur wer das Glaubensbekenntnis bei vollem Bewusstsein vor zwei Zeugen spricht, gilt als Muslim.
Naja, Details.
Allerdings: im Mittelalter war’s auch nicht besser… und noch viel schlimmer… und das gibt’s heute leider auch wieder.
Schwierig.

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Ein Gedanke zu „Zwei Stories am Rande

  1. Ihr macht ja Sachen mit, aber es liest sich wie ein Roman. Viele Grüße, Tilo

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